Wie wichtig eine gute Kooperation zwischen Tierärzten und Hufschmieden ist, wird an dem folgenden Behandlungsbericht eines 12jährigen Wallachs mit schmerzhafter Lahmheit von Dr. med. vet. Susanne Pichon deutlich.
Zusammenfassung des Falles:
Ein 12-jähriger Hannoveranerwallach wurde mit einer Lahmheit an der linken Vordergliedmaße beim Tierarzt vorgestellt, nachdem eine rötlich-gelbe Flüssigkeit aus dem Hornspalt austrat. Diagnostiziert wurde ein blutender, durchdringender Hornspalt, der vermutlich durch einen fehlerhaften Hufbeschlag verursacht wurde. Der Wallach wurde 2 Wochen vorher mit einem Fesselträgereisen nach Denoix beschlagen, was dazu dienen sollte, die Zehe in weich-tiefen Böden vor dem Einsinken zu schützen und somit die Ausheilung eines Fesselträgerschadens zu unterstützen. Zuvor hatte sich an der äußeren Tracht ein durchdringender Hornspalt gebildet, der vom Hufbeschlagschmied im Zuge der Hufzubereitung fälschlicherweise durch Auffräsen mit dem Dremel und dem Hufmesser verbreitert worden war.
Bei der Untersuchung der linken Vordergliedmaße konnte eine geringgradige Pulsation der Mittelfußarterie und eine vermehrte Wärmebildung im Bereich der Krone und der Hornkapsel festgestellt werden. Das Pferd präsentierte sich in boden- und zehenenger Stellung (Abb. 1). Bei Betrachten des zu flachen Hufs mit untergeschobenen Trachten fiel eine sich vom eingerissenen Kronsaum (Abb. 2) bis zum Tragrand erstreckende Zusammenhangstrennung der Hornkapsel von etwa 1cm Breite auf, wobei der Blick auf die Lederhaut teilweise frei lag. Aus dem Spalt tropfte nach dem Vortraben ein blutig-seröses Wundsekret (Abb. 3). Der Druck und das Beklopfen mittels Hufuntersuchungszange führten zu einer Abwehrreaktion. Das Pferd war im Schritt nicht, im Trab deutlich stützbeinlahm und zeigte auf dem Innenbogen einen deutlichen Wendeschmerz.
Schnell wurde klar, dass hier eine gute Zusammenarbeit zwischen Tierarzt und Hufschmied gefragt war.
Diagnose und Therapie
Boden- und zehenenge Fehlstellung sowie durchdringender, blutender Hornspalt mit Verletzung des Kronsaums. Die initiale Therapie durch die Tierärztin bestand aus der Entfernung des zu kurzen und engen Eisens (Abb.2-4), der Reinigung der Sohlenpartie und dem Anbringen eines Angusshufverbandes. Außerdem erhielt das Pferd einen Entzündungshemmer und wurde in Boxen- bzw. Paddockruhe gestellt. Bei der Nachkontrolle war kein Sekret mehr abgängig (Abb. 5) und das Pferd ging nicht mehr lahm.
Weiterführende Therapiemaßnahmen durch den Hufbeschlagschmied
Dem hinzugezogenen Hufbeschlagschmied fiel bei Adspektion der Hornkapsel auf, dass die mediale Seitenwand des linken Vorderhufs ca. 1,8 cm höher war als die laterale. Er entfernte zunächst das lose Zerfallshorn im Strahl- und Eckstrebenbereich und kürzte die Zehe und Trachtenbereich unter Beachtung des Fesselstands vorsichtig ein. Auch der Tragrandbereich um den Hornspalt, der sauber ausgeschnitten und damit etwas verbreitert wurde, wurde durch das Anbringen einer großzügigen Schwebe, welche sich fast über den gesamten äußeren Tragrand erstreckte (Abb. 6), eingekürzt. Hiernach wurde ein bodenweit gerändertes Heart-Bar-Stahleisen mit Zehenaufzug und starker Zehenrichtung, verbreiterten und ausreichend langen Schenkeln, angepasst. Eine Ledersohle, die jedoch an der Stelle des Hornspalts entsprechend ausgespart wurde, deckte die Polsterung mit Equimix Pad Comfort®, Härtegrad A 20 ab. Unter Verwendung von sechs Hufnägeln (vier innen und zwei außen) wurde das neue Hufeisen aufgenagelt. Außerdem wurde ein Gleitschutz in Form von kleinen Widia-Stiften beidseits vor den Schenkelenden angebracht (Abb. 7–8).
Ausgang / Fazit:
Der Wallach erholte sich nach Anbringen des neuen Beschlags schnell, so dass der Entzündungshemmer bereits nach drei Tagen abgesetzt werden konnte und mit kleinen Spaziergängen auf weichem Hallenboden begonnen werden konnte. Die sich schon sehr schnell nach Anbringen des neuen Beschlags einstellende Lahmheitsfreiheit, die auch nach Absetzen des Schmerzmittels weiter anhielt, gibt der Wahl des Hufschmieds bezüglich der Art des orthopädischen Hufbeschlags vollumfänglich recht.
Hier zeigt sich, wie wertvoll die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit guter Kommunikation zwischen Tierärztin, Hufschmied und Besitzer letztlich ist. Darüber hinaus wird deutlich, wie unabdingbar eine gute und fundierte Aus- und Weiterbildung des alten Handwerkberufs ist – ohne das Fachwissen und Können des hinzugezogenen Hufbeschlagschmieds wäre wohl kaum eine so schnelle Genesung des Pferdes zu erreichen gewesen.
Falldiskussion (Epikrise)
Hornspalten treten stets in Längsrichtung von der Krone bis zum Tragrand auf. Sie können sich dabei über Teile oder den gesamten Hornwand erstrecken, sind entweder nur auf die oberflächlichen Bereiche des Horns beschränkt (Windrisse) oder reichen tiefer bis in die Röhrchenschicht. Sind alle Schichten betroffen, spricht man vom durchdringenden Hornspalt. Werden Lederhautblättchen gequetscht, kann es spontan wie auch im vorliegenden Fall zu Blutungen und evtl. starken Lahmheiten kommen. Man unterscheidet den Trachtenwandspalt (vorgestellter Patient) von Seitenwand- und Eckstrebenbrüchen.
Als Ursache werden Wunden an Krone oder Saumband bzw. eine übermäßige Belastung des Horns an den beschriebenen Stellen angesehen. Besonders spitzwinklige Hufe neigen aufgrund einer zu starken Belastung des Trachtenbereichs zur Ausbildung Trachtenwandspalten. Beim vorgestellten Wallach tat der fehlerhafte Hufbeschlag (Fesselträgereisen nach Denoix und hierdurch der entstandene Druckschmerz im Zehenbereich, Eisen zu eng und zu kurz) sein Übriges, um die Ausbildung des Spalts zu fördern, da starke Hebelkräfte ein Einreißen des Kronrands begünstigt hatten. Auch der Stellungsfehler des Pferdes übte Druck auf die laterale Seitenwand aus.
Nach der akut erforderlichen tiermedizinischen Behandlung mit Desinfektion der blutenden Lederhaut durch einen Angussverband, einer Linderung der Schmerzen und unterbinden der Huflederhautentzündung, kann auf längere Sicht gesehen dem Patienten nur eine adäquate Hufkorrektur und die Anbringung eines orthopädischen Beschlags Heilung verschaffen. Es muss hierbei kritisch in Erwägung gezogen werden, ob die Korrektur der Hufe bei einem Pferd mit diesem deutlichen Stellungsfehler überhaupt sinnvoll ist. Das Anbringen einer großzügigen Schwebe und eines Eisens, was das Abrollmoment verkürzt sowie die Unterstützung der Lastenverteilung auf den Strahlbereich und die Sohle mittels Polster, was die Hornwand vor einwirkenden Hebelkräften schützt, führen letztlich dazu, dass der Kronsaum abheilen kann. Bei der Polsterung ist zu bedenken, dass sie einerseits nicht zu hart ist, andererseits aber auch genug Tragfähigkeit gewährleistet, um bestmöglich zu unterstützen und somit die Stützphase des Pferdes zu verkürzen. Damit wächst gesundes Horn nach und der Spalt herunter. Auch kann der Gefahr der Entstehung von instabilem Narben- bzw. Ersatzgewebe und schließlich der Ausbildung eines Rezidivs so besser entgegengewirkt werden. Dies muss durch Einhalten kurzer Beschlagsintervalle jedoch regelmäßig kontrolliert werden, um ggf. kurzfristig nachzubessern.
Zwar muss der Therapie des blutenden Hornspalts therapeutisch zunächst der Vorrang eingeräumt werden, gleichwohl darf aber im weiteren Verlauf der Fesselträgerschaden nicht aus den Augen verloren werden. Hierbei ist jedoch auf das Anbringen eines korrekten, der Ausheilung des Hornspalts dienenden Hufbeschlags auch weiterhin zu achten. Deshalb empfiehlt sich auch künftig der interdisziplinäre Austausch zwischen Hufschmied und Tierarzt.
August 2023
Autorin:
Dr. med. vet. Susanne Pichon, Eibelstadt
info@tierarztpraxis-pichon.de
Ansprechpartner Fachgruppe Hufbeschlag:
Christian Krause
christian.krause@metallhandwerk.de
Tel. +49 201/89619-31
Abbildungen zum Fallbericht von Dr. med. vet. Susann Pichon, Fotos Tina Walter
Abdruck des Artikels und der Fotos nur mit Angabe der Autorin und Fotografin.
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